17.01.2013 - "Wir greifen ihre Neugier und das auf, was sie wirklich bewegt ..." - Dirk Schubert und Ghandi Chahine zu ihren künstlerisch-kreativen Modellprojekten mit Jugendlichen

Seit mehr als 10 Jahren arbeiten Gandhi Chahine und Dirk Schubert bereits zusammen und entwickeln kreative Modellprojekte für junge Menschen. Sowohl der für seine musikalische und jugendkulturelle Arbeit vielfach ausgezeichnete Regisseur, Musiker, Drehbuchautor und Schauspiellehrer und wie auch der Politikwissenschaftler und Projektleiter Schubert verfügen über eine fünfzehnjährige Erfahrung in der Entwicklung und Realisierung unterschiedlich komplexer Kultur- und Integrationsprojekte, über die sie unterschiedlichste junge Zielgruppen auch mit „sperrigen" Themen erreichen. Seit 2011 entwickeln sie den Bereich der Kultur- und Bildungsprojekte für junge Leute bei HeurekaNet. - Dieses Gespräch wurde im Rahmen einer Praxiserkundung von Studierenden des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der WWU Münster geführt.

Was hat Sie bewogen, solche Modellprojekte zu initiieren und welche Methode setzen Sie ein?

Gandhi Chahine: Wir beide haben, nicht nur als Musiker, die Erfahrung gemacht, dass über Musik und künstlerische Arbeit Menschen nicht nur emotional bewegt, sondern auch thematisch erreicht werden. In unserer Arbeit ist uns wichtig, dass wir Jugendliche unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem soziokulturellem Background dazu anregen, sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinander zu setzen, die teilweise auch fernab ihres bisherigen Interessenhorizonts liegen. Entscheidend ist, dass der Bildungsabschluss eines Jugendlichen keine zentrale Rolle spielt. Wichtiger ist die Erkenntnis, dass auch die „sperrigen" Themen wie der interreligiöse und interkulturelle Dialog bei „Hinterm Horizont", historisch-politische Themen wie „Verfolgt und Vertrieben" oder Integrationsfragen wie bei einem aktuell beantragten Integrationsprojekt im Münsterland ganz viel mit dem eigenen Leben zu tun haben und nicht nur eine theoretische Diskussion anderer sind. 

Dirk Schubert: Das ist zentral für all unsere Projekte. Methodisch setzen wir Schauspiel, Tanz, Musik- und Filmproduktion für eine thematische Auseinandersetzung ein. Wer eine Schauspielszene entwickeln oder einen Song schreiben will, muss informiert sein, muss vorher das Thema recherchiert und gründlich durchdacht haben, bis eine eigene Aussage steht. Das hilft den jungen Menschen auch zu erkennen, wo sie mit ihrer Meinung stehen. Dieses Nachdenken fällt im Rahmen der künstlerisch-kreativen Arbeit leichter. Sie knüpft an Interessenswelten der Jugendlichen an und schafft emotionale wie kognitive Zugänge.

Also spielt der Leistungsgedanke, wie bei den bekannten Castingshows „Deutschland sucht den Superstar" oder „Popstar", keine große Rolle?

Dirk Schubert: Wir greifen das Interesse vieler Jugendlichen an solchen Sendungen auf. Ganz anders als bei den gerade genannten Shows gibt es bei uns weder eine „grausame" Jury noch eine Auswahl nach Leistung. Jeder Interessierte und jeder Interessierte kann mitmachen. Wichtig ist uns ein Klima der Wertschätzung, in dem sich die Teilnehmenden in einem geschützten Raum ohne Ängste und Druck bewegen und weiter entwickeln können.

Gandhi Chahine: Viele Jugendliche haben ein Mitteilungsbedürfnis, Stichwort „Facebook". Dort geht es aber eher darum, welches Bild sie von sich zeigen wollen und nicht darum, was sie wirklich bewegt. Musik, Schauspiel, Film und Tanz und die selbst erarbeiteten Multimediashows bieten ihnen eine Plattform, sich auszudrücken und mitzuteilen. Es geht darum, ihre Wahrnehmung für ihr soziales Umfeld zu schärfen und um das Erkennen ihrer Möglichkeiten der Einflussnahme auf ihr Leben.

Dirk Schubert: Es geht uns schließlich darum, junge Menschen auf diesem Weg anzuregen, an gesellschaftlichen Prozessen mit zu wirken und sich einzumischen. Das kann man von den Castingshows, die primär ein finanzielles Interesse haben, nicht behaupten.

Wie tragen Sie denn die Themen an die Jugendlichen heran?

Dirk Schubert: Wir wollen unseren Teilnehmenden keine Themen „überstülpen", wir gehen also nicht mit fertigen Konzepten in unsere Projekte und erwarten, dass die Jugendlichen sich dem Thema anpassen. Unsere langjährige Erfahrung mit dem künstlerisch-kreativen Ansatz hilft uns dabei, die Konzepte den aktuellen Bedürfnissen der Jugendlichen anzupassen.

Gandhi Chahine: Die Konzepte entstehen nicht im stillen Kämmerlein, sondern im Laufe von anderen Projekten; wenn Dirk und ich mit Teilnehmenden diskutieren, Workshops und Wochenenden mit ihnen verbringen und dort ihre Interessen und Belange aufnehmen. Wir greifen ihre Neugier und das auf, was sie wirklich bewegt - der zentrale Motor für die Bereitschaft, Neues lernen und sich mit Inhalten wie bspw. interreligiösen Fragen auseinander setzen zu wollen.

Sie arbeiten ja an der Schnittstelle zwischen Kultur- und Bildungsarbeit. Welche Rolle spielt der Bildungsanteil?

Dirk Schubert: Eine große. Gesellschaftspolitische Prozesse sind in der globalisierten Welt komplex geworden und auch für Erwachsene häufig kaum zu durchblicken und einzuordnen. Für Jugendliche ist ungleich schwerer zu erkennen, was bspw. der interreligiöse und interkulturelle Dialog, Vertreibungserfahrungen oder Integrationsdebatten mit ihrem Leben zu tun haben. Hier setzt die Bildungsarbeit an.

Gandhi Chahine: Häufig sind diese Zusammenhänge auch noch mit komplizierten Begriffen verknüpft, die zunächst einmal verstanden werden müssen; wir haben oft Jugendliche dabei, in deren Lebenswelt diese Themen zunächst keine große Bedeutung haben. Inhaltliche Vermittlung und die daraus resultierende Auseinandersetzung sind also ein wichtiger Baustein unserer Arbeit. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir keine fertigen Ergebnisse anliefern, die sie lernen sollen, sondern mit der künstlerischen Arbeit Denkprozesse in Gang setzen, die ihnen Verständnis und Zugang durch die emotionalen Erfahrungen im Rahmen des Themas ermöglichen. Zugleich wollen wir ihr Selbst stärken- und Unrecht in Form von Ausgrenzung und Diskriminierung für sie erkennbar machen.

Sie arbeiten ja überwiegend mit Jugendlichen, die erhöhten Förderbedarf, Migrations-hintergrund oder beides haben. Das ist sicher nicht immer einfach....

Gandhi Chahine: Wir stoßen bei unseren Teilnehmenden zunächst häufig auf eine eher konsumorientierte Haltung, auch in Bezug auf Meinungen und Inhalten. Dazu kommt ein häufig respektloser Umgang unter den Jugendlichen, deren Sprache alles andere als von Achtung geprägt ist. Dazu kommen noch fehlende Aufmerksamkeit und fehlendes Bewusstsein dafür, gemeinsam etwas erreichen zu wollen, aber auch zu können.

Dirk Schubert: Diese Konsumhaltung sowie der Umgangston ändern sich, sobald sie anfangen zu produzieren. D. h. dass sie - vor dem Hintergrund der vorangegangenen, inhaltlichen Auseinandersetzung - nun eigene Aussagen und Überzeugungen formulieren müssen, die das umfangreiche Thema in Bezug setzt zu ihrer Lebenswelt.

Was hat bei Ihnen starke Eindrücke hinterlassen?

Dirk Schubert: Es berührt uns sehr, wenn wir mitbekommen, wie sich Teilnehmende weiter entwickeln. So bescheinigt uns eine Hauptschule in Hagen, wie einige Jugendliche unserer Projekte dort, die wir mit anderen Trägern gemacht haben, offener, interessierter sind, bessere Schulnoten bekommen und das Abitur anstreben - oder sich ehrenamtlich engagieren. Wir wollen Ressourcen der Jugendlichen fördern und Ihre Neugier wecken, Neues zu entdecken und sich einzubringen. Das ist meist ein längerer Weg.

Gandhi Chahine: Wenn Teilnehmende dermaßen über sich hinauswachsen, wenn sie Fähigkeiten an sich entdecken, die sie vorher nicht kannten, wenn sie sich plötzlich engagieren und auch vor „großen" Themen nicht zurückschrecken, dann ist das für uns ein Geschenk. Allein dafür lohnt sich die Arbeit.

Dirk Schubert: Wir wollen es aber auch nicht schön reden: Oft sind diese Prozesse ein hartes Stück Arbeit, die mit diesen Jugendlichen viel Geduld erfordert. Und ohne Geduld und Kontinuität wären diese Ziele nicht erreichbar. Oft erfahren sie während des Projekts zum ersten Mal, dass „Erwachsene" ihnen den notwendigen Raum geben, sich ausprobieren und entwickeln zu können, ohne dass sie nach der ersten, nicht erfolgreich absolvierten Hürde, abgeschrieben werden. Daher ist es wichtig, dass wir unsere Projekte kritisch auswerten unter der Frage, was wir verbessern und wie wir die Methodik weiter entwickeln können.

Gandhi Chahine: Das geht hin bis zur Wortwahl in den Workshops, zur Ansprache der Jugendlichen und der Methode, wie wir ihnen das jeweilige Thema nahe bringen können. Die Qualität unserer Zusammenarbeit basiert darauf, dass wir uns permanent in einem Dialog befinden und auch von den Jugendlichen lernen.

Und wie kommen Sie in der Zusammenarbeit miteinander klar?

Gandhi Chahine: Hinter dieser Arbeit steckt sehr viel Herzblut, eben weil wir davon überzeugt sind, aber gleichzeitig auch sehen, wie sich die jungen Menschen, die sich zum Teil selbst abgeschrieben haben, auf vielen Ebenen weiterentwickeln und neue Wege aus der Ohnmacht suchen. Wir beide wissen, dass die Vermittlung sogenannter Schlüsselkompetenzen wichtig ist, aber letztlich ist auch jedes von uns entwickelte Projekt ein Bildungsprojekt. Und in dieser Hinsicht ergänzen Dirk und ich uns zu hundert Prozent.

Dirk Schubert: Uns hilft, dass Gandhi und ich seit mehr als 15 Jahren in diesem Bereich arbeiten und außerdem sehr gut befreundet sind. Unsere Gedanken und Überlegungen ergänzen sich, wir verfolgen ähnliche Ziele. Das ist sehr inspirierend, auch weil wir bestimmte Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven sehen. Dieses Verständnis und die Motivation, gesellschaftlich etwas bewegen zu wollen, sind die Grundlage dafür, Neues aufzugreifen und um daraus ein für Jugendliche interessantes Projekt zu gestalten.

Was macht Ihre Arbeit bei HeurekaNet aus?

Dirk Schubert: Die gemeinsame Arbeit der vergangenen zwei Jahre war aus verschiedenen Gründen motivierend. Zum einen ist es das Interesse daran, Ideen in Modellprojekte umzusetzen, die wir mit den Kolleginnen und Kollegen teilen - dies vor einem Hintergrund langjähriger Erfahrung in der Gestaltung von Projekten. Zum andern verknüpfen wir praktische Projektarbeit mit der wissenschaftlichen Erfassung von Lernerfahrungen, die anderen Trägern bspw. In Form von Veröffentlichungen und Handlungsleitfäden zugänglich gemacht werden. Besonders ist also, dass die Verzahnung von Theorie und Praxis unter einem Dach stattfindet und nicht von unterschiedlichen Trägern realisiert wird. Unser Schwerpunkt ist hier die jugend- und soziokulturelle Arbeit.

Gandhi Chahine: Dazu kommt eine wertschätzende Atmosphäre der gegenseitigen Unterstützung und Förderung im Team, die Spaß macht. Schließlich geht es uns allen darum, neue Wege der Lernerfahrung und in der Vermittlung und Nutzung von Schlüsselkompetenzen zu gehen, die andere dann später in ihrer Arbeit einsetzen können. Dirk und ich bringen dabei die Erfahrungen bei HeurekaNet ein, die wir bei der Entwicklung mit anderen Projektpartnern gesammelt haben.

Dirk Schubert: Inzwischen haben wir seit 2011 bei HeurekaNet eine ganze Reihe von Projekten vorbereitet, die wir nun umsetzen wollen. Dazu zählt ein Projekt im Bereich der Pflege - ohnehin ein Schwerpunkt bei HeurekaNet - und ein Modellprojekt zur innovativen Lebens- und Berufsorientierung in Brandenburg. Aktuell bereiten wir ein Projekt mit strafffälligen und gefährdeten Jugendlichen in Münster zur Auseinandersetzung mit Straftaten sowie eines, das modellhaft in drei großen Jugendvollzugsanstalten in Deutschland einen neuen Weg der Orientierung gehen soll. Nicht zuletzt haben wir ein Vorhaben zum Thema Herkunftskultur für Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihrer Eltern im Münsterland beantragt, das - hoffentlich - ab Mai starten kann. Es sind weitere Projekte in Vorbereitung.

Vielen Dank für das Gespräch.

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